Der Angriff auf die Ukraine wird die deutschen Automobilhersteller und Zulieferer erheblichen belasten. Nach Mercedes-Benz hat jetzt auch Volkswagen verkündet, seine Aktivitäten in Russland einzustellen. Der VDA informiert zudem über drohende Probleme.

Ein Industriekonzern nach dem anderen hat in den vergangenen Tagen verkündet, seinen Aktivitäten in Russland auf Eis legen zu wollen. Am heutigen Donnerstag ging Volkswagen an die Öffentlichkeit: „Vor dem Hintergrund des russischen Angriffs auf die Ukraine und den daraus resultierenden Folgen, hat der Konzernvorstand von Volkswagen entschieden, die Produktion von Fahrzeugen in Russland bis auf weiteres einzustellen. Diese Entscheidung gilt für die russischen Produktionsstandorte Kaluga und Nischni Nowgorod. Ebenfalls wird mit sofortiger Wirkung der Fahrzeugexport nach Russland gestoppt.“ Mit der weitgehenden Unterbrechung der Geschäftstätigkeit in Russland zieht der Konzernvorstand nach eigenen Worten die Konsequenzen aus der „von starker Unsicherheit und den aktuellen Verwerfungen geprägten Gesamtsituation“.

Die Mercedes-Benz AG hatte bereits gestern auf den russischen Einmarsch in der Ukraine reagiert. Das Unternehmen teilte mit, dass der Export von Personenwagen und Vans nach Russland ebenso eingestellt werde wie die lokale Fertigung in dem Land. Mercedes hat ein Pkw-Werk in der Nähe von Moskau. Medienberichten zu Folge lässt auch der Lkw-Bauer Daimler Truck seine Geschäftsaktivitäten in Russland vorerst ruhen. Mercedes hat dort ein Joint Venture mit dem heimischen Hersteller Kamaz.

Problematisch für die Autobauer ist aber zudem auch der fehlende Nachschub mit Produktionsteilen aus der Urkraine. So hatte Volkswagen bereits am Dienstag bekanntgegeben, auf Grund von Lieferengpässen die Produktion teilweise herunterfahren zu müssen. Ab der 11. Kalenderwoche (ab dem 14. März) könnte es den Angaben zufolge zum ersten Stopp in Wolfsburg kommen. Auch Porsche kündigte an, die Produktion im Werk Leipzig auf Grund von Lieferengpässen unterbrechen zu müssen. Betroffen sind die Modelle Macan und Panamera.

Vor den gleichen Problemen steht BMW. Weil wichtige Zulieferbetriebe mit Sitz in der Ukraine nicht mehr lieferfähig sind, wird der bayerische Hersteller die Produktion im Werk Dingolfing in der kommende Woche herunterfahren. Den Angaben zufolge fehlen insbesondere Kabelbäume für die Neuwagenproduktion.

Laut einer Pressemitteilung des Verbands der Automobilindustrie (VDA) würden die Hersteller und Zulieferer mit Hochdruck daran arbeiten, die Ausfälle und Behinderungen in den Lieferketten zu kompensieren und Alternativen hochzufahren. „Eine Fortsetzung der Produktion an alternativen Standorten liegt im Interesse der Kunden, der Beschäftigten, der Unternehmen und eines starken Wirtschaftsstandorts Deutschland und Europa“, unterstreicht VDA-Präsidentin Hildegard Müller.

Die möglichen Auswirkungen des Krieges in der Ukraine für die deutschen Hersteller und Zulieferer hat der VDA folgendermaßen zusammengefast:

Marktpräsenz

Die deutschen Hersteller haben im vergangenen Jahr etwas mehr als 40.000 Fahrzeuge in beide Länder – Russland und Ukraine – exportiert. Konkret waren es 4.100 Pkw in die Ukraine und 35.600 Pkw nach Russland. Dies entspricht 1,7% aller aus Deutschland heraus exportierten Pkw. Russland steht bei den Pkw-Exporten aus Deutschland auf Platz 18. In Russland selbst produzierten die deutschen Hersteller 170.000 Pkw in 2021, die weitgehend auch dort abgesetzt wurden. Der Marktanteil deutscher Hersteller in Russland liegt bei knapp 20 Prozent.

Die deutsche Automobilindustrie – Hersteller und Zulieferer zusammengefasst – unterhält etwa eigene 43 Fertigungsstandorte in Russland und sechs der Ukraine. Zudem gibt es weitere internationale Werke die Komponenten zuliefern.

Auswirkungen der Kriegshandlungen

Die Kriegshandlungen Russlands führen zur Unterbrechung von Lieferketten. Der Transport ist eingeschränkt, die Produktion in Zulieferbetrieben fällt aus.

Kabelbäume: Kurzfristig ergibt sich eine Reduzierung der Zulieferung von Kabelbäumen. Bei den Kabelbäumen handelt es sich um ein komplexes und teils für jedes Fahrzeugmodell individuell angefertigtes Bauteil. Hier gibt es kaum Lagerbestände. Neben Tunesien versorgt vor allem die Ukraine europäische Hersteller mit diesem Bauteil. Kabelbäume sind komplexe Komponenten, daher kann die Produktion nicht kurzfristig umdisponiert oder anderweitig substituiert werden.

Rohmaterialien: Langfristig wird die Automobilindustrie mit Knappheit und Preisanstieg bei Rohmaterialien konfrontiert sein. Dies betrifft insbesondere die folgenden Rohstoffe aus Russland und der Ukraine:

Neongas: Die Ukraine ist einer der wichtigsten Neon-Lieferanten. Wir erwarten Auswirkungen auf die europäische Halbleiterproduktion, da Chips bereits jetzt Mangelware sind. Bei der Halbleiterproduktion kommen Hochleistungs-Laser zum Einsatz, die unter anderem das Edelgas benötigen.

Palladium: Unter anderem könnte es uns an Palladium aus Russland für Katalysatoren fehlen. Etwa ein Fünftel des nach Deutschland importieren Palladiums kommt aus Russland.

Nickel: Ein wichtiger Rohstoff zur Produktion von Lithium-Ionen-Batterien ist Nickel. Damit ist dieser Rohstoff unersetzbar für den Hochlauf der Elektromobilität. Laut Prognosen wird sich der Bedarf von Nickel vervielfachen. Russland ist unter anderem ein wichtiges Förderland für Nickelerz.

Bei weiteren Rohstoffstoffen und Zulieferungen sind die genauen Auswirkungen derzeit noch nicht quantifizierbar, werden aber vom VDA geprüft.

Lieferketten

Bei den Vorprodukten waren aufgrund der weltweiten Pandemie bereits vor Kriegsausbruch die Lagerbestände in einigen Bereichen weitgehend erschöpft. Die durch den Krieg hinzukommenden Unterbrechungen bei Zug- und Schiffsverbindungen sowie Einschränkungen im Luftverkehr haben bereits deutliche Auswirkungen auf die Liefer- und Logistikketten, wir erwarten eine Verschärfung der Teileversorgung.

Die Lieferengpässe führen zum Produktionsstopp in vielen Werken der deutschen Hersteller. Die betroffenen Unternehmen kommunizieren die Unterbrechungen ausschließlich selbst. Zusätzlich geraten die Lieferketten z.B. nach und aus China unter Druck, weil auch die Landwege durch die Krisenregion einen Transport zunehmend ausschließen.

Sanktionen

Die Europäische Union, die USA und weitere Staaten weltweit haben Sanktionen gegen Russland und Belarus erlassen. Neue Sanktionen bzw. Verschärfungen sind absehbar, die auf eine weitere Zuspitzung der Lage in der Ukraine reagieren. Die Auswirkungen der Finanzsanktionen betreffen auch die Automobilindustrie. Die handelspolitischen Auswirkungen für die Automobilindustrie sind noch nicht genau abzusehen. Die Unternehmen prüfen fortlaufend ihre Produkte und Lieferketten, um alle aktuellen Sanktionsvorgaben umzusetzen.

Ausblick

Aufgrund der sehr dynamischen Situation ist ein verlässlicher Ausblick schwierig. Fest steht aber: Es wird zu weiteren Beeinträchtigungen bei der Produktion von Fahrzeugen in Deutschland kommen. Deren Umfang kann der VDA aktuell aber noch nicht beziffern.

Quelle: AMZ

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